• Karin Krüger

Die wunderbare Welt des Firnisauftrags


Ein Firnisauftrag ist ein feierlicher Vorgang. Zumindest bei uns. Er muss mit viel Bedacht ausgeführt werden – egal ob mit dem Pinsel, dem Ballen oder der Spritzpistole. Danach kann man oft den Blick nicht mehr vom Gemälde lassen und spürt das dringende Bedürfnis, die Fotos vom Vorzustand herauszusuchen und sich am Vorher-Nachher-Effekt zu ergötzen. Kaum eine Maßnahme bewirkt in so kurzer Zeit eine so große Veränderung. Und mit Veränderungen sollte man im Zusammenhang mit Kunst- und Kulturgut grundsätzlich sehr umsichtig sein.

Ein neuer Firnis ist nicht zwingend notwendig im Laufe einer Restaurierung. Genauso wenig, wie es eine Firnisabnahme ist. Aber wenn aufgrund reiflicher Überlegungen und intensiver Voruntersuchungen die Entscheidung fällt, dass ein alter Firnis entfernt werden muss und kann, ist man zwangsläufig zu einem bestimmten Zeitpunkt auch mit dem Aufbringen eines neuen Firnisses konfrontiert.


Die Möglichkeiten des Firnisauftrags sind so vielfältig wie fast alles in der Restaurierung: Es gibt kein Standardverfahren oder Schema F. Es gibt Erfahrungswerte und Fingerspitzengefühl. Es gibt Materialkenntnis und den Blick fürs Ganze. Es gibt Wertschätzung und Respekt vor gealterten Oberflächen. Und eben das Bewusstsein, dass alles, was man auf der Gemäldevorderseite macht, nicht unbedingt auf nur der Gemäldevorderseite bleibt.

Durch den Firnis erhält eine Gemäldeoberfläche neben dem Schutz der Malschicht auch Glanz, Farbtiefe und Kontraste. Der Firnis bildet den flächigen Abschluss. Er zeigt, wo noch Lasuren auf den Vorretuschen nötig sind und bringt feine Details und Nuancen der Malerei wieder zum Vorschein. Der Firnis vereinheitlicht den Oberflächenglanz, der nach einer Firnisabnahme oft gar nicht mehr oder nur noch sehr ungleichmäßig vorhanden ist.

Ein schlecht aufgetragener Firnis zeigt sich in Unregelmäßigkeiten, falschem Glanzgrad oder Tropfen und Laufnasen. Durch starke Lichtreflexe bei Hochglanz ist die Betrachtung gestört, während zu wenig Glanz nicht die volle Tiefe und Intensität herausholt, die eine maltechnisch gut aufgebaute und meisterhaft ausgeführte Malerei auszeichnet.

Für den Pinselauftrag braucht man eine andere Firnislösung als für den Spritzauftrag. Es gibt verschieden Harze, verschiedene Lösemittel, verschiedene Zusätze. Alles hat immense Auswirkungen auf die Eigenschaften. In geringem Maße ist noch eine Nachbearbeitung möglich. Zum genau richtigen Zeitpunkt während der Trocknung kann mit einer weichen Ziegenhaarbürste trocken nachgebürstet und so der Glanzgrad noch etwas eingestellt werden.


In den ersten beiden Beiträgen auf unserem Blog haben wir einen Versuchsaufbau beschrieben, mit der wir eine Auftragsmethode für den neuen Firnis auf ein sehr durchlässiges Leinwandgemälde, einem Portrait von 1807, finden wollten. Das Problem an besagtem Gemälde ist, dass es ein stark ausgeprägtes Alterscraquelé (die vielen feinen Risse, die zwangsläufig an jedem Gemälde auf einem flexiblen Träger im Lauf der Zeit entstehen) aufweist und zudem auf eine sehr weitmaschige Leinwand gemalt ist. Dies alles führt erfahrungsgemäß dazu, dass Flüssigkeiten, mit denen man auf der Vorderseite hantiert – entweder bei der Reinigung oder eben beim Firnisauftrag – auf die Rückseite durchziehen und dort im blödesten Fall für Verfärbungen und Flecken sorgen. Derartige unbeabsichtigte Veränderungen sind natürlich absolut unerwünscht und in diesem besonderen Fall total inakzeptabel. Denn die Rückseite ist ausführlich vom Künstler signiert und der Dargestellte detailliert beschrieben.

Das Gemälde haben wir inzwischen gefirnisst. Es hat einen Spritzauftrag erhalten, der ausführlich vorbereitet und im Vorfeld gut erprobt war. Die Aktion war sehr erfolgreich und das Gemälde hat – wie erwartet – unglaublich an Strahlkraft und Präsenz gewonnen. Und unser besonderes Ziel, die Rückseite nicht zu verändern, haben wir erreicht! Es ist kein einziger neuer Fleck entstanden.

Für einen guten Firnisauftrag braucht es viel Erfahrung und Übung - und Begeisterung für einen scheinbar banalen Vorgang, der aber für das Ergebnis einer Restaurierung entscheidend sein kann.

Danke fürs Lesen!

Übrigens sind Kommentare, Fragen oder auch Themenwünsche zu den Beiträgen immer sehr willkommen! Wir sind ja noch neu im Bloggen und freuen uns daher über jeden Hinweis...

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